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EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) 

There is a crack in everything. That's how the light gets in. 

- Leonard Cohen

EMDR steht für „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“ – auf deutsch: Desensibilisierung und Wiederverarbeitung durch Augenbewegung. EMDR ist ein wissenschaftlich gut erforschtes, anerkanntes und ein schnell effektives therapeutisches Verfahren und hat seinen Ursprung in der Traumatherapie. Entwickelt wurde das Verfahren von der US-amerikanischen Psychologin Dr. Francine Shapiro.

Ziel der Therapie mit EMDR ist, dass ein schwieriges Erlebnis oder eine Erfahrung zwar noch in der Erinnerung existiert, die Erinnerung aber nicht mehr ständig den Alltag beeinflusst oder beeinträchtigt. 

 

EMDR eignet sich bei allen Zuständen, die auf belastende Erfahrungen zurückgehen:

  • Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

  • Angst- und Panikstörungen

  • Depressionen

  • Folgen von Bindungstraumatisierungen

  • Essstörungen

  • Auswirkungen belastender Lebenserfahrungen

  • starke Trauer nach Verlusterlebnissen

  • chronische Schmerzen

  • Blockaden und Prüfungsängsten

Wie funktioniert EMDR? 

 

EMDR ist eine ressourcenorientierte Methode, die neuronale Veränderung im Gehirn bewirkt und damit Entwicklungs- und Selbstheilungsprozesse in Gang setzt. Traumatische Erlebnisse sind im Gehirn in blockierten oder unvollständig integrierten Erinnerungsnetzwerken verankert. Sie sind so abgespeichert, wie sie zum Zeitpunkt des Ereignisses erlebt wurden. Bei EMDR kommt es zu einer Neubearbeitung dieser "eingefrorenen" Erinnerung. Die Belastung sinkt auf der Körper- und Empfindungsebene.  

Dies geschieht durch eine aktive und gezielte bilaterale, also beidseitige Stimulation der neuronalen Verbindungen im Gehirn. In einer EDMR-Sitzung wird abwechselnd die rechte Gehirnhälfte (zuständig für logisches Denken, Analysefähigkeiten, Verstand) und die linke Gehirnhälfte (zuständig für Emotionen, Erfahrungen, Vorstellungen) angeregt. 

Wenn zum Beispiel nach einem belastenden Ereignis die rechte Hirnhälfte einer Person immer wieder das Erlebte abspult, das Sprachzentrum der linken Gehirnhälfte aber nur eingeschränkt arbeitet, kommt es zum sogenannten "sprachlosen Entsetzen": Geschehnisse können nicht in Worte gefasst werden, obwohl die Erinnerung in Form von Bildern da ist.

 

Ein traumatisches Erlebnis wird in der Regel lückenhaft fragmentiert und nicht als Ganzes abgespeichert. 

 

Nach so einem Ereignis kann man sich den Zustand im Gehirn so vorstellen, als wenn die neuronalen Verknüpfungen und Verbindungen wie "schockgefroren" sind. Gefühle, Wortfetzen, Erlebtes können nicht komplett verarbeitet werden und blockieren die neuronalen Verknüpfungen.

 

In der EMDR-Therapie geht es darum, nicht verarbeitete Erlebnisse Schritt für Schritt einfühlsam zu integrieren. Erlebtes wird zu Ende erlebt, zu Ende gefühlt, zu Ende gedacht - und anschließend im Gehirn und in den neuronalen Bahnen "zu Ende" verknüpft. 

Geschieht dieser letzte Schritt der Verknüpfung nicht, wird das Erlebte nicht in die Persönlichkeit integriert. Banale Alltagssituationen können in der Folge massiv triggern. Dazu reichen oft minimale Reize wie ähnliche Geräusche, Gerüche oder auch ähnliche Stimmen oder Räumlichkeiten. Von einer Sekunde zur nächsten schnellen alle alten unverarbeiteten Gefühle wieder hoch und werden teilweise so intensiv wiedererlebt wie zum Zeitpunkt des ursprünglichen belastenden Erlebnisses. 

Hast du es schon einmal erlebt, dass du in einer - objektiv betrachtet - relativ harmlosen Situation emotional (überraschend) stark reagiert hast? Dass du vielleicht aus dem Kontakt mit Mitmenschen herausgegangen bist oder den Kontakt abgebrochen hast? Dass du laut und aggressiv geworden bist oder dass die Tränen nicht aufgehört haben zu fließen? Oder dass du dich fragst: Was ist denn da gerade in mich gefahren? War das wirklich ich selber?

 

Es könnte sein, dass ein alter "Film" und eine alte erlebte Situation unter dieser Reaktion liegt. Das muss nicht unbedingt ein Trauma sein, es kann aber ein Hinweis auf eine frühere Verletzung oder eine schwierige Erfahrung sein, die nicht vollständig verarbeitet wurde.

Der 8-stufige EMDR-Prozess 

Phase 1:  Vorgeschichte und Behandlungsplanung

Zunächst werde ich eine Vorgeschichte (Anamnese) erheben. Nach Ausschluss von Kontraindikationen stelle ich mit dir einen Behandlungsplan auf. Darin ist die Wiederbearbeitung, also das Reprozessieren ("reprocessing") belastender Erlebnisse oder anderer Symptome, die mit der Belastung in Verbindung stehen, wesentlicher Bestandteil.

Phase 2:  Stabilisierung und Vorbereitung 

In dieser Phase geht es darum, Ressourcen zu entdecken, diese gut zu verankern und diese Ressourcen im Bedarfsfall abrufen und einsetzen zu können. Diese Phase kann kurz sein, ist aber essentiell. Ohne Ressourcen wie z.B. der sichere Ort kann keine EMDR-Sitzung starten. Wir klären in dieser Phase ebenso Sitzposition, Art der Stimulation und wir vereinbaren Stop-Signale.

Phase 3:  Bewertung der Erinnerung

In dieser Phase geht es darum, die besonders belastenden Erinnerungen durch Sinnesreize, Anspannungen und auch kognitiv schrittweise so anzusprechen, dass sie in das gesamte traumatische Geschehen integriert werden können. In dieser Phase arbeiten wir den für dich schlimmsten Moment heraus und dazu passende negative und positive Kognitionen ("Welche negativen Gedanken löst das Ereignis in dir aus? Was würdest du lieber über dich denken?"). 

Phase 4:  Bearbeitung ("Reprozessieren")

In dieser Phase werden belastende Erinnerungen neu reprozessiert. Zur Bearbeitung der Erinnerung leite ich dich wiederholt an, kurzzeitig mit der belastenden Erinnerung in Kontakt zu treten. Gleichzeitig führe ich eine sogenannte bilaterale (rechts-linksseitige) Stimulation durch: Diese besteht aus gesteuerten Augenbewegungen oder aus kurzem bilateralen (rechts-linksseitigen) "Tappen" an den Knien oder im Schulterbereich. Im Rahmen der Sitzung werden nach und nach Bilder, Eindrücke, Gefühle hochkommen, die prozessiert und verarbeitet werden. In dieser Phase kann es passieren, dass wir an tief sitzende Erlebnisse gelangen, die schrittweise und in dem für dich passenden Tempo integriert werden.  

  

Phase 5:  Verankerung

In der Verankerungs-Phase gehen wir zurück zum Ausgangsbild. Eine negative Kognition wäre: „Ich werde nie mehr vertrauen können“. Eine positive Kognition ist dagegen: „Das Erlebte ist vorbei.“ Schlimme Erinnerungen oder Erfahrungen hinterlassen meist auch Spuren auf der kognitiven Ebene in Form von dysfunktionalen Überzeugungen oder Glaubenssätzen, die immer wieder mit der Erinnerung zusammen auftauchen. Positive Kognitionen werden in dieser Phase durch eine langsame bilaterale Stimulation verstärkt werden (z.B. in der Butterfly-Übung).

Phase 6:  Körper-Test

Im anschließenden Körper-Test suchen wir nach eventuell andauernden, sinnlich wahrnehmbaren Erinnerungsfragmenten. Beim Körpertest wird die positive Selbstüberzeugung ausgesprochen, und gleichzeitig mit der Aufmerksamkeit von oben nach unten durch den Körper gewandert.

Sollten noch belastende Körpererinnerungen bestehen, werden sie erneut bearbeitet.

 

Phase 7:  Abschluss

Abschließend wird besprochen, welche Wirkung diese Erfahrung auf den Patienten hatte. Ich vereinbare in der Regel Interventionsregeln für die Zeit zwischen den Sitzungen. Das ist wichtig, weil der in der EMDR-Sitzung angestoßene Prozess auch nach der Sitzung in abgeschwächter Form, zum Beispiel in Träumen oder Gefühlen, weiterlaufen kann.

Phase 8:  Nachbefragung

Diese letzte Phase findet zu Beginn der nächsten Sitzung statt.

Erinnerungssplitter, die zwischen den Sitzungen aufgetaucht sind, werden besprochen, genauso wie die aktuelle subjektive Belastung und die positiven Kognitionen.

Wie lange wirkt eine EDMR-Sitzung nach?

Abhängig davon, wie tief die emotionale Belastung sitzt, kann die EMDR-Therapie 1-2 Tage nachwirken und gegebenenfalls auch aufwühlen. Es kann aber auch das Gegenteil passieren, und du fühlst dich erleichtert und zuversichtlich. 

 

Aus diesem Grund ist es wichtig, dass wir deine Ressourcen vor der allerersten EDMR-Sitzung gut verankern. Ohne gut verankerte und abrufbare Ressourcen beginnt keine Sitzung.

Nimm dir in den 1-2 Tagen nach einer Sitzung keine großen oder außergewöhnlichen Ereignisse vor - das gilt insbesondere, wenn es deine erste Sitzung ist.

Image by Vince Fleming

Wann kann ich Erfolge oder eine Verbesserung erwarten?

Eine pauschale Antwort darauf, wie lange eine EMDR-Therapie dauert oder wie schnell sie wirkt, gibt es nicht. Es hängt stark davon ab, welche Themen und Hintergründe hinter einer Belastung stehen. Bei manchen Anliegen reicht eine einzige Sitzung, um eine enorme Verbesserung zu erzielen. Ein Beispiel: Kommst du mit einer Angst vor Spritzen zu mir und es geht wirklich „nur“ um die Spritzen, dann erlebst du wahrscheinlich sehr schnell eine deutliche Entlastung.

Bei anderen Anliegen kann es etwas länger dauern, da weitere Themen aufgedeckt werden, die "unter" oder "hinter" den Belastungen stehen. In vielen Fällen reichen 8 - 12 Sitzungen, um ein Thema zu verarbeiten.  

 

Manchmal kann auch eine längere Begleitung sinnvoll sein, bei der die Abstände zwischen den Sitzungen allmählich größer werden und ich dich so bei der Stabilisierung im Alltag unterstütze. Gezielte Interventionen helfen dir,  dich selbst zu regulieren, deine Kraftquellen zu aktivieren und langfristige Veränderungen zu erreichen. 

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